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Vom Becher Jamshids zum Schwarzen Stein [tedesco]

Vom Becher Jamshîds zum Schwarzen Stein
Iranische und islamische Spuren des Grals


In der Anthologie der Sufi-Texte, die die Studie über die
islamische Esoterik mit dem Titel "Der Weg des Herzens" (1)
begleitet, findet sich die Übersetzung eines ghazal aus dem
Dîwân des Hâfez, das so beginnt:

"Mein Herz hat lange Jahre
Verlangt nach Dschemschids Glas,
Es hat gesucht bei anderen,
Was es bei sich besaß.

Die Perle, die der Muschel
Der Raumwelt sich entwand,
Sucht´ es bei den verloren
Gegangenen am Strand."

[Übersetzung Friedrich Rückert]

Jamshîd (Dschemschid) ist der im Avesta als Yimô Xshaêta
bezeichnete primordiale iranische Herrscher, auf den, auf dem
Weg eines stufenweisen Verlustes des xvarenah, des
sichtbaren Zeichens der solaren Herrschaftswürde, der
Ursprung der drei sozialen Funktionen zurückgeht: heiliges
Wissen, kriegerische Aktion, landwirtschaftliche Aktivität. Aber
den Zivilisationsheros Jamshîd identifiziert der Islam, wie aus
dem Kommentar zu dem zitierten ghazal hervorgeht, mit
Sayyidnâ Sulaymân, den biblischen Salomon, weil dieser die
Kraft besaß, die Dämonen auszutreiben. Von König Salomon,
dem Erbauer des Tempels, berichtet die ghibellinische Esoterik
die Überlieferung der "heiligen Vase", dem König Jamshîd
schreibt die muslimische Esoterik den "spiegelnden Becher" zu.
Der Becher, "der die Welt sieht" (jehân-bîn) oder "der die Welt
zeigt"(jehân-nomâ) ist daher im Iran ein dem Gral
entsprechendes Symbol.

Dieser persische Gral wird nicht nur Jamshîd zugesprochen;
Firdusi berichtet vom "Becher, der die Welt zeigt" (jâm-e
ghîtî-nomây) in der Episode des Bîzhan in der Grube: der
mythische König Kei Khosrau entdeckt das Gefängnis des
Bîzhan dank des Bechers:

"...dann nahm der König Khosrau den schimmernden Becher in
die Hand
und darin sah er die sieben Teile der Welt,
und die Zeichen und die Taten des höchsten Himmels,
alles wurde sichtbar, das Was und das Wie und das Wann.
Und Saturn wurde sichtbar, und Jupiter und Mars und der Löwe,
und Sonne und Mond und Venus und Merkur,
und die gesamte Zukunft sah er darin,
der magische (afsûngar) Herrscher der Welt." (2)

Von der Lektüre der Verse des Firdusi her könnte man versucht
sein, den "Becher, der die Welt zeigt" auf einen einfachen
Orakelbecher zu reduzieren, das heißt auf ein Instrument zur
Vorhersage; Guénon, der im übrigen festgestellt hat, daß im 1.
Buch Mosis (Gen. 44, 1-17) der Besitzer eines Orakelbechers
genannt wird, der denselben Namen trägt wie der Gralswächter
(Joseph), bezieht sich auf eine solche Interpretation, wenn er
folgende Überlegungen anstellt:

"Der 'Orakelbecher' ist in gewisser Weise der Prototyp des
'magischen Spiegels' und wir müssen in dieser Hinsicht eine
wichtige Bemerkung machen: die rein 'magische' Interpretation,
die die Symbole auf eine ausschließlich 'divinatorische' oder, ein
zweiter ähnlicher Fall, 'talismanischen' Charakter reduziert, stellt
eine bestimmte Stufe in der Degeneration dieser Symbole dar,
oder auch, nach der Art in der sie verstanden werden, die Stufe
des noch verbliebenen Restes, da sie trotz allem auf eine
traditionelle Wissenschaft Bezug nimmt, während die vollständig
profane Abweichung ihnen nur einen simplen 'ästhetischen'
Wert zuspricht [...] Stellen wir weiters in Bezug auf den
"wahrsagenden Becher" fest, daß die Vision, die alle Dinge wie
anwesend zeigt, wenn man sie in ihrem wirklichen Sinn nimmt
(der allein die 'Unfehlbarkeit' sein kann, von dem im Fall
Josephs ausdrücklich gesprochen wird), in offensichtlicher
Beziehung zu dem Symbolismus des 'dritten Auges' steht, daher
auch zu dem Stein, der von der Stirn Luzifers gefallenen ist, der
den entsprechenden Platz eingenommen hatte [...]" (3)

Keine Gefahr des Mißverständnisses geht von den Versen des
Hâfez aus, in denen der "Sinn der Ewigkeit", symbolisiert durch
den Becher und schließlich unterstrichen vom Bild der Perle
(man kann dies mit der Bedeutung vergleichen, die die urnâ, die
Perle auf der Stirn Shivas, in der indischen Ikonographie hat),
klar und unzweideutig ist, und der Becher direkt auf das Herz
bezogen ist, das heißt auf das Zentrum des gesamten Daseins.

Das Motiv des Bechers als "Spiegel der Welt" findet sich in der
Poesie vieler weiterer persischer Autoren, die alle mehr oder
minder direkt mit dem tasawwuf (dem "Sufismus") in
Verbindung stehen, das sie verschieden interpretatieren. Sanâ' î
und Attâr zufolge ist der Becher nichts anderes als das Herz; für
Shabestarî, der sich ausdrücklich zum Sprachrohr einer
initiatischen Organisation macht, ist er die "Weisheitsseele"
(nafs-e dânâ); anderen zufolge ist er ein Spiegel, in dem sich
das Gesicht des Freundes reflektiert; wieder andere vergleichen
ihn aufgrund seiner rettenden Funktion mit der Arche Noahs.
Aber es ist wichtig zu sehen, daß zwischen diesen
Gesichtspunkten kein substanzieller Widerspruch vorhanden ist,
daß sie sich tatsächlich gegenseitig erklären und ergänzen. Es
ist auch interessant zu bemerken, daß manchen Quellen zufolge
am Becher des Jamshîd sieben parallele Bänder (khatt) (wie auf
den erhaltenen Bechern der sassanidischen Epoche) mit
zugehörigen "Monogrammen" [Chiffren] (romûz) angebracht
waren, die nur die Weisen zu lesen in der Lage sind.

Wir finden die Gestalt des initiatischen Bechers auch in einem
rätselhaften gnostisch-manichäisch-ismaelitischen Text - den
wir hier erwähnen, da er sich in einem Buch des persischen
Kulturkreises findet -, der unter dem Titel Ummu' l-Kitâb (4)
bekannt ist. In der Frage XIV des Textes wird der "Becher, der die
die Welt zeigt" als "Geist der intuitiven Enthüllung" (rûh-o wahî-yi
wudûh-âz) erklärt; derjenige der im Besitz dieses Bechers ist,
hat im Herzen die göttliche Inspiration (wahî-yi ilâhî), die in
einem Augenschlag (turfatu'l-´ayn) klar wird. "Geist der intuitiven
Enthüllung" (wörtlich: "Seele der Inspiration, die die Deutlichkeit
zurückbringt") ist nach Filippani-Ronconi ein Ausdruck, der "gut
zu dem visuellen Element der 'Betrachtung' des Geheimnisses
paßt", dem A. Bausani (5) den Becher zuordnet. "Das Motiv des
Bechers", bemerkt Filippani-Ronconi, "der zur gleichen Zeit das
Herz und das Gehirn (oder der Himmel) ist, vereint zwei
grundsätzliche Motive: das des Lebens oder der
Unausschöpflichkeit der Nahrung, wofür Al-Khidr und andere
rijâl al-ghayb [Männer der unsichtbaren Welt, M.S.] Wächter sind,
und das des zyklischen und intuitiven Wissens, das nazar der
Mystiker [besser: der Initiierten, C.M.], entgegengesetzt dem
äußerlichen khabar." (6) In besagtem Text symbolisiert daher
der "Becher, der die Welt zeigt" ebenfalls einen Typus des
Wissens, das die Wirklichkeit in einer intuitiven und integralen
Weise in einem "Herzen" gegenwärtig macht, das nicht von
Schleiern getrübt wird.

Wenn wir neuerlich die Verse des Hâfez, die wir zu Beginn zitiert
haben, betrachten: der Becher wird mit der Perle identifiziert, die
das innere Sein des menschlichen Wesens repräsentiert und
daher nicht in den äußerlichen Phänomenen ("die der Raumwelt
sich entwundene Muschel") und nicht von den Profanen ("den
am Strand verloren gegangenen") gesucht werden darf, sondern
aus den Wassern der eigenen Persönlichkeit herausgefischt
werden muß. Nun ist diese Perle in gewisser Weise ein Stein
(7), und wir sehen uns wieder der Gleichsetzung von Becher und
Stein gegenüber, so daß es möglich ist, Vergleiche zu ziehen
mit den Legenden, die den Gral betreffen.

Die Äquivalenz Becher-Stein, die von den Versen des Hâfez
impliziert wird, stärkt im Rahmen der substanziellen Einheit der
islamischen und der ghibellinischen Traditionen die These von
der Identität des Grals und des Schwarzen Steines, die Pierre
Ponsoye in seinem Buch [*] aufgezeigt hat. Ponsoye verzeichnet
tatsächlich die bestehenden Korrespondenzen zwischen den
grundlegenden Themen des Gralsmythos und den analogen
Motiven des islamischen Bereiches; der Gral als Stein (lapsît
exillis) zeigt beträchtliche Ähnlichkeiten mit dem Schwarzen
Stein der Ka´ba, soweit, daß es nicht illegitim wäre, die beiden
miteinander zu identifizieren. Zwischen Gral und Schwarzem
Stein ist tatsächlich eine Übereinstimmung, "so wie in Ursprung,
Natur und Bestimmung auch in der schützenden und
vorhersagenden Fähigkeiten," sagt Ponsoye. Wie der Gral in der
Form des Steines von den Engeln auf die Erde getragen wurde,
so wurde der Stein der Ka´ba von dem Engel Jibrâ´îl gebracht;
wie der Gral die Kranken heilt, wird eine gleiche Kraft dem
Schwarzen Stein zugeschrieben, wenn auch der Kontakt mit den
Sündern in dieser Hinsicht seine Kraft verringert hat; der lapsît
exillis ist, wie Guénon gezeigt hat, nichts anderes als der
"Eckstein" vom Himmel, und der Schwarze Stein wird
gewöhnlich "Stein der Ecke" (hajaru' r-rukn) genannt. Wenn es
eine Differenz zwischen dem Gral und dem Schwarzen Stein
gibt, dann insofern die Rolle des ersten rein esoterisch ist,
während der zweite auch eine exoterische Funktion hat; aber
dies ist auf den Charakter der Vollständigkeit (die Ergänzung von
initiatischem Wissen und religiösem Gesetz) zurückzuführen,
die den Islam vom Christentum unterscheidet (8). Der Gral, so
sagt die Legende, wurde in den Osten getragen: ist das nicht ein
Indiz, das zum Beweis der These von der Identität zwischen
lapsît exillis und Schwarzem Stein beiträgt, die über die These
einer einfachen Parallelität ihrer Eigenschaften hinausgeht?

Die Frage kann nicht in den Begriffen eines materiellen
Zusammenfallens der beiden Symbole gestellt werden. Was die
symbolische Sprache kundtun möchte, ist folgendes: bis zu
einer bestimmten Periode haben die verschiedenen
menschlichen Gemeinschaften von substanziell identischen,
wenn auch formal unterschiedlichen, Traditionen Gebrauch
gemacht; dann hat die Tradition in gewissen Gebieten sich zu
verringern begonnen und dadurch wurde die initiatische
Kontinuität unumkehrbar unterbrochen; jedoch wird sie (ihr
Geist, ihre Meister, ihre Doktrin, ihre tägliche Praxis) in anderen
Gebieten (dem symbolischen "Orient", von dem die
Gralslegenden sprechen) regulär aufrechterhalten, von dort wird
sie zurückkehren, um die gesamte Erde am Beginn des
kommenden Zyklus zu erleuchten.

Übersetzung: Martin A. Schwarz


[*] Vorwort zu: Pierre Ponsoye, L´Islam e il Graal. Studio
sull´esoterismo del Parzival di Wolfram von Eschenbach.
Edizioni all'insegna del Veltro, Parma 1980. (Übersetzung von: P. Ponsoye, L´Islam et le Graal. Étude sur l´ésotérisme du Parzifal
de Wolfram von Eschenbach. Arché, Milano 1976.)

1. Feirefiz, La via del cuore, Edizioni Arktos, Carmagnola 1979.

2. Firdusi, Shâhnâme, ed. Béroukhim, IV, 1099. (Über. von A.
Bausani in Persia religiosa, Milano 1959, p. 314).

3. R. Guénon, Simboli della Scienza sacra, Milano 1975, p. 252,
n. 7. [R. Guénon, Symboles fondamentaux de la Science sacrée,
Paris 1962, p. 293, n. 3]

4. Ummu'l-Kitâb. Introduzione, traduzione e note di Pio
Filippani-Ronconi, Napoli 1966.

5. A. Bausani, op. cit., p. 314.

6. Ummu'l-Kitâb, cit., pp. 121-122.

7. Mircea Eliade betrachtet den magisch-religiösen Wert der
Perle in dem Kapitel des Trattato di storia delle religioni, die den
"symbolischen Steinen" gewidmet ist (ital. Ausg.: Torino 1972,
pp. 452-456 [dt. Ausg.: Die Religionen und das Heilige.
Elemente der Religionsgeschichte, Frankfurt am Main 1998,
pp.505-508])

8. Christus sprach in einer seiner Abschiedsreden zu seinen
Jüngern am Vorabend der Passion: "Ich habe euch noch vieles
zu sagen, aber ihr könnet es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener
Geist der Wahrheit kommt, der wird euch alle Wahrheit lehren
"(Joh. 16,12-13). In einem Aufsatz (C. Mutti, Muhammad nel
Vangelo di Giovannii, "Vie della Tradizione", n. 35, 7./9.1979)
haben wir gezeigt, daß der "Geist der Wahrheit", der von Jesus
angekündigt wird, in Muhammad individualisiert ist, dem Träger
der abschließenden und vollständigen prophetischen Botschaft;
und tatsächlich ist der Name, den Jesus dem Botschafter
gegeben hat, der "die gesamte Wahrheit" (in esoterischer
Hinsicht wie in jener der exoterischen) darlegen wird, Periklytòs
(wovon Parakletos nur eine unechte Variante ist): ein Ausdruck
der "der Gepriesene" bedeutet und im Arabischen genau als
Muhammad übersetzt wird. Der Schwarze Stein mit seiner
zweifachen Funktion drückt daher den doppelten Wert der
Offenbarung Muhammads aus: initiatisch und religiös.

Inserita il 24/11/2005 alle 18:52:31      Versione stampabile della notizia      Invia la notizia ad un amico